Europa am Wendepunkt

CIn der Podiumsdiskussion mit Stefan Erdmann (CTO Outokumpu) und Thomas Schauf (Wirtschaftsvereinigung Stahl) forderte Till Schreiter unter anderem, dass Förderprogramme in jene Technologien fließen sollten, die tatsächliche wirtschaftliche Perspektiven eröffnen.

Beim Hüttentag 2025 in Essen zeichnete Till Schreiter ein klares, ungeschöntes Bild der Lage im metallurgischen Anlagenbau. In einer Podiumsdiskussion und in seiner Keynote als ABP-CEO und VDMA-Metallurgy-Vorstandsvorsitzender betonte er, dass geopolitische Konflikte, wirtschaftspolitische Fehlanreize und Bürokratisierung Europa unter enormen Druck setzen. Gleichzeitig zeigte er auf, welche Chancen sich für die Industrie eröffnen – wenn Europa bereit ist, mutige Entscheidungen zu treffen und sich auf seine Stärken zu besinnen. Parallel war ABP Induction mit einem Messestand auf dem Hüttentag vertreten, um mit den Fachbesuchern hinsichtlich der Herausforderungen wie Dekarbonisierung, Deglobalisierung und demographischer Wandel ins Gespräch zu kommen und innovative Lösungen beispielsweise bei der Digitalisierung der metallverarbeitenden Industrie vorzustellen. 

Der Hüttentag 2025 war damit für die Branche mehr als ein Branchentreffen: Er war ein Seismograf für die wirtschaftlichen und geopolitischen Spannungen, die den metallurgischen Anlagenbau aktuell prägen. Mitten in dieser Lage richtete Till Schreiter in seiner Keynote und später in der Podiumsdiskussion eine klare Botschaft an Politik, Wirtschaft und Industrie: Die Welt habe sich in den vergangenen Jahren stärker verändert als viele wahrhaben wollten – und Europa müsse dringend seinen industriepolitischen Kurs neu definieren.

Till Schreiter beschrieb, wie tief der Maschinen- und Anlagenbau in internationale Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden ist und wie empfindlich er deshalb auf geopolitische Verwerfungen reagiert. Die Jahre der Rezession im Maschinenbau seien ein deutliches Warnsignal, das nicht ignoriert werden dürfe. Besonders die USA und China, die lange als konjunkturelle Stützen fungiert hätten, seien heute selbst Teil der Verunsicherung: China verliere kontinuierlich an Bedeutung als Exportmarkt, weil das Land zunehmend eigene Anlagen baue, während die USA sich durch protektionistische Maßnahmen selbst ausbremsen und gleichzeitig die globalen Märkte destabilisieren.

Schreiter machte deutlich, dass die jüngsten Zollpakete der USA nicht nur europäische Anbieter massiv belasten, sondern in erster Linie den amerikanischen Markt selbst schwächen, der durch steigende Stahlpreise und wegbrechende Investitionen an Attraktivität verliere. Protektionismus, so Schreiter, sei ein Instrument, das keine Gewinner kenne – außer jenen Ländern, die sich kampflos Marktanteile sichern, weil andere sich abschotten.

In der Podiumsdiskussion führte er diesen Gedanken weiter aus. Er warnte davor, dass Europa sich zwischen die Fronten der beiden großen Wirtschaftsmächte gedrängt sehe, ohne selbst entschlossen zu agieren. Während China gezielt Technologien aufbaue und in neue Märkte dränge, verliere Europa wertvolle Zeit mit regulatorischen Details, politischen Nebenbedingungen und dem Versuch, nicht zukunftsfähige Strukturen künstlich am Leben zu erhalten. Schreiter betonte, wie wichtig es sei, sich von der Vorstellung zu lösen, dass die Zukunft der Branche ausschließlich in traditionellen Verfahren und jahrzehntelang gewachsenen Industriezweigen liege. Innovation entstehe dort, wo rohstoffseitige, wirtschaftliche und technologische Rahmenbedingungen zusammenpassen, und Europa müsse sich entscheiden, in welchen Bereichen es wirklich führend sein könne – und in welchen es sich stärker auf nachgelagerte Wertschöpfungsstufen konzentrieren sollte.

Zentrales Thema seiner Ausführungen war die Rolle von Innovationen als Motor industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Till Schreiter kritisierte, dass milliardenschwere Förderprogramme häufig nicht in die Technologien fließen, die tatsächliche wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, sondern in Prozesse, deren Zukunftsfähigkeit fraglich sei. Eine Industrie könne nur dann global bestehen, wenn sie Produkte entwickle, die ihre Kunden wirtschaftlich stärken, statt sie durch teure technische Pfadentscheidungen zu belasten.

Aus seiner Sicht müsse eine moderne Industriepolitik den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden und den Fokus dorthin zu lenken, wo echte technologische Differenzierung möglich sei. Für den Stahlbereich bedeute dies, dass Innovation im Downstream und in der Weiterverarbeitung häufig größere Hebel biete als in Grundstoffprozessen, die anderswo effizienter und ressourcenschonender realisiert werden könnten.

Deutliche Worte fand Schreiter auch beim Thema Bürokratie. Er beschrieb die Belastungen, die sich aus Meldepflichten, Lieferkettengesetzen, Genehmigungsprozessen und arbeitsrechtlichen Anforderungen ergeben, und machte klar, dass gerade kleine und mittelständische Unternehmen unter einer Regulierung leiden. Wenn Unternehmen bereits an Zertifizierungshürden scheiterten, bevor sie überhaupt Angebote abgeben könnten, sei das ein strukturelles Problem, das sich nicht allein durch individuelle Effizienz lösen lasse. Der ABP-CEO plädierte für einen Paradigmenwechsel: Politische Ziele dürften nicht ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Realität auf Unternehmen übertragen werden. Wer Innovation wolle, müsse Freiräume schaffen – und nicht zusätzliche Belastungen.

Trotz aller Kritik war Schreiters Auftritt nicht pessimistisch, sondern entschieden. Er betonte, dass Europa weiterhin eine starke industrielle Basis und große technologische Kompetenz habe. Doch diese Stärke müsse verteidigt und weiterentwickelt werden. Die Wachstumsmärkte der Zukunft lägen nicht mehr automatisch in den klassischen Industrienationen, sondern in Regionen wie Indien, Indonesien, Vietnam und Südamerika. Wenn europäische Unternehmen dort erfolgreich sein wollten, müssten sie mit Innovationskraft, Geschwindigkeit und wettbewerbsfähigen Lösungen auftreten. Der Schlüssel liege in Produktivität, Digitalisierung, KI-basierten Optimierungen und einer klaren strategischen Positionierung.

Am Ende seines Beitrags stand ein Appell: Europa dürfe sich nicht von außen definieren lassen, sondern müsse selbstbewusst gestalten. Nur ein Europa, das Bürokratie abbaut, Innovation fördert, seine wirtschaftlichen Stärken konsequent nutzt und globale Partnerschaften aktiv formt, könne im Wettbewerb mit den großen Machtblöcken bestehen. Für ABP und die gesamte Branche bedeute das: Die Herausforderungen sind enorm, aber die Chancen sind ebenso groß – wenn man bereit ist, entschlossen zu handeln.

Cookie-Einwilligung mit Real Cookie Banner