„Die beste Lösung beginnt mit dem Eingeständnis, dass man sie nicht kennt“

Albert Miller moderiert den Ausschuss zusammen mit Dr. Sebastian Tewes.

Mit einem neuen Fachausschuss Digitalisierung setzt der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) ein klares Zeichen: Die digitale Transformation wird zur zentralen Zukunftsaufgabe der Branche. Den Vorsitz übernimmt Albert Miller, Global Head of Digital Solutions bei ABP Induction. Im Interview spricht er über die Beweggründe für die Neuausrichtung, sein persönliches Engagement und seine Eindrücke vom Auftakt – und warum echte Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg ist.

Die Digitalisierung der Gießerei-Industrie gewinnt zunehmend an Dynamik. Mit dem neu gegründeten Fachausschuss Digitalisierung schafft der BDG erstmals eine Plattform, die das Thema nicht als
Teilaspekt, sondern als strategischen Kern der Branche begreift. Rund 60 Teilnehmende aus Gießereien, Forschung, IT und Zulieferindustrie kamen zur Auftaktsitzung in Düsseldorf zusammen, um gemeinsam den Status quo zu analysieren und konkrete nächste Schritte zu entwickeln. Albert Miller leitet den Ausschuss gemeinsam mit Joshua Bissels (Pinter Guss) und Dr. Sebastian Tewes (BDG) und war maßgeblich an der inhaltlichen Ausrichtung beteiligt.

Albert Miller: Die Ausgangssituation war, dass es bereits über Jahre hinweg einen Arbeitskreis zum Thema Gießerei 4.0 gab. Unser Anspruch war, mit dem Neustart einen Raum für echten Austausch und gemeinsames Arbeiten an den richtigen Fragestellungen zu schaffen. Gleichzeitig hat der BDG bewusst entschieden, das Thema auf eine neue Ebene zu heben – weg vom Arbeitskreis hin zu einem eigenständigen Fachausschuss. Digitalisierung ist kein Unterthema, sondern ein zentraler Baustein für die Zukunft der Branche.

Albert Miller: Ehrlich gesagt: Es war ein außergewöhnlich starker Start. Was mich besonders beeindruckt hat, war die Atmosphäre im Raum. Wir hatten rund 60 Teilnehmende – und gleichzeitig eine unglaubliche Konzentration und Beteiligung. Es gab keine Ablenkung, keine Parallelkommunikation; stattdessen echte Aufmerksamkeit, echtes Mitdenken und ein sehr offener Austausch. Das ist keine Selbstverständlichkeit und zeigt, wie groß der Bedarf ist, sich auf Augenhöhe über diese Themen auszutauschen. Allein die Tatsache, dass die Veranstaltung komplett ausgebucht war und wir sogar eine Warteliste führen mussten, ist für mich ein klares Signal: Die Branche ist bereit, Digitalisierung aktiv anzugehen.

Albert Miller: Wir wollten ganz bewusst weg von klassischen Vortragsformaten. Statt „Berieselung“ ging es uns darum, eine echte Macher-Community zu schaffen. Deshalb haben wir auf interaktive Formate gesetzt: Workshops in Kleingruppen, Lightning Pitches, eine Fishbowl-Diskussion, Live-Umfragen und auch konkrete Demonstrationen. Diese Formate haben es ermöglicht, dass sich die Teilnehmenden aktiv einbringen und ihre eigenen Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven teilen konnten. Besonders die Fishbowl-Diskussion war extrem dynamisch – über eine lange Zeit hinweg durchgehend interaktiv, mit vielen unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Entscheidende ist: Die besten Erkenntnisse entstehen nicht durch fertige Präsentationen, sondern durch strukturierte Diskussionen. Einen besonderen Akzent haben wir am Ende des ersten Tages gesetzt: eine Live-Demonstration, wie KI in der konkreten Arbeitspraxis eingesetzt werden kann – nicht als Zukunftsvision, sondern als reales Werkzeug. Das hat viele Teilnehmende überrascht und war ein bewusstes Signal: Wir reden nicht nur über Digitalisierung, wir praktizieren sie.

Albert Miller: Ein zentrales Ergebnis war, dass Digitalisierung in der Gießerei-Industrie inzwischen als systemisches Thema verstanden wird. Es geht nicht mehr um einzelne Projekte, sondern um das Zusammenspiel von Technologie, Prozessen, Daten und Organisation. Sehr konkret haben wir gemeinsam den Reifegrad der Branche entlang verschiedener Dimensionen analysiert – von Sensorik und Datenerfassung über den Einsatz von KI bis hin zu IT-Sicherheit und strategischer Verankerung. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Arbeit an den sogenannten „Pain Points“. Die Teilnehmenden haben sehr offen benannt, wo die größten Herausforderungen liegen – und gleichzeitig, wo die größten Potenziale gesehen werden. Ein Spannungsfeld, das immer wieder deutlich wurde, lässt sich in zwei Aussagen zusammenfassen: Auf der einen Seite steht die Angst vor Arbeitsplatzverlust, auf der anderen Seite der massive Fachkräftemangel. Für mich ist das ein zentraler Punkt: Digitalisierung ersetzt keine Menschen. Sie macht knappe Ressourcen wirksamer und eröffnet neue Möglichkeiten.

Albert Miller: Ja, definitiv. Mein wichtigstes Learning ist: Die beste Lösung beginnt oft mit dem Eingeständnis, dass man sie noch nicht kennt. Das klingt einfach, ist aber im Alltag alles andere als selbstverständlich. Gerade in einem industriellen Umfeld gibt es oft den Anspruch, schnell Antworten zu liefern. Aber komplexe Systeme lassen sich nicht von außen vollständig erfassen. Unsere Aufgabe ist es deshalb nicht, fertige Lösungen vorzugeben. Unsere Aufgabe ist es, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Unternehmen ihre eigenen Bedarfe klar formulieren können – und daraus die passenden Lösungen entwickeln. Genau das haben wir mit diesem Fachausschuss versucht umzusetzen.

Albert Miller: Der Fachausschuss ist bewusst als kontinuierliches Format angelegt. Es wird zwei Treffen pro Jahr geben, ergänzt durch regelmäßige Umfragen und Austauschformate zwischen den Sitzungen. Ein wichtiger nächster Meilenstein ist der Deutsche Gießereitag 2026 im Mai in Göttingen. Dort werden wir die Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Fachausschuss in die gesamte Branche zurückspielen und weiter zur Diskussion stellen. Was mich dabei antreibt: Wir haben in der Auftaktsitzung erlebt, wie viel Energie und Bereitschaft in der Branche steckt. Diese Energie wollen wir nicht verpuffen lassen – sondern in konkrete Schritte übersetzen. Das ist der Anspruch des Fachausschusses, und das ist der Maßstab, an dem wir uns messen lassen.

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