
ABP-CEO Till Schreiter fordert beim Blick auf das neue Geschäftsjahr von Industrie und Unternehmen mehr Konsequenz, Innovationskraft und strategischen Mut
Ein wirtschaftlich angespanntes Umfeld, geopolitische Verwerfungen und wachsende Unsicherheiten prägen den metallurgischen Anlagenbau. Für Till Schreiter, CEO von ABP Induction, ist klar: Die Herausforderungen sind nicht neu – aber sie wurden zu lange unterschätzt. Im Gespräch benennt er strukturelle Defizite in Europa und zeigt gleichzeitig auf, wo die entscheidenden Hebel für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum liegen.
Das ABP-Geschäftsjahr 2025/2026 endet in einem herausfordernden Umfeld. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Till Schreiter: Die Realität ist: Die Rahmenbedingungen haben sich nicht verbessert – im Gegenteil. Wir sehen steigende Insolvenzen, zunehmende Arbeitslosigkeit und eine massive Verunsicherung in der Industrie. Und genau diese Unsicherheit ist das größte Gift für die Wirtschaft.
Unternehmen wissen schlicht nicht mehr, wohin die Reise geht. Und wenn diese Klarheit fehlt, wird nicht investiert. Das spüren wir inzwischen in der gesamten Branche.
Sie sprechen die politischen Rahmenbedingungen an. Wo sehen Sie die größten Versäumnisse?
Till Schreiter: Ganz klar beim Thema Entschlossenheit. Europa verliert sich in Bürokratie, Detailregulierung und politischen Nebenbedingungen, statt die großen strategischen Fragen zu klären.
Wir diskutieren seit Jahren über Bürokratieabbau – passiert ist faktisch nichts. Die Belastung ist eher größer geworden. Und gleichzeitig fehlt eine klare industriepolitische Linie. Unternehmen brauchen Orientierung, keine zusätzlichen Hürden.
Was bedeutet das konkret für den Maschinen- und Anlagenbau?
Till Schreiter: Wir stehen mitten in einer strukturellen Verschiebung. China war lange unser wichtigster Markt – heute baut China selbst. Die USA verfolgen eine zunehmend protektionistische Politik. Und Indien kann diese Lücke nicht schließen.
Das bedeutet: Europa muss sich endlich wieder auf sich selbst konzentrieren. Der europäische Binnenmarkt ist kein Selbstläufer mehr – wir müssen ihn aktiv stärken.
Sie haben zuletzt bei mehreren Gelegenheiten sehr deutlich formuliert, dass Europa seinen industriepolitischen Kurs neu definieren muss. Was meinen Sie damit konkret?
Till Schreiter: Wir müssen ehrlich sein und uns eingestehen: Die Welt hat sich schneller verändert, als viele wahrhaben wollten. Europa versucht oft, bestehende Strukturen künstlich am Leben zu halten, statt sich zu fragen: Wo können wir wirklich führend sein? Wo haben wir einen echten technologischen Vorteil? Das erfordert Mut. Mut, alte Zöpfe abzuschneiden – und Mut, sich auf neue Wertschöpfungsstufen zu konzentrieren.
Ein großes Thema ist und bleibt die Dekarbonisierung. Wie bewertet ABP die aktuelle Situation?
Till Schreiter: Dekarbonisierung ist wichtig – aber sie darf kein Selbstzweck sein. Die harte Wahrheit ist: Niemand dekarbonisiert ohne wirtschaftlichen Nutzen. Wenn Sie zu früh investieren, ohne wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Sie raus aus dem Geschäft.
Das heißt: Wir brauchen Lösungen, die CO2 reduzieren und gleichzeitig wirtschaftlich Sinn machen. Retrofit, hybride Systeme, Elektrifizierung – das sind konkrete Ansätze, die funktionieren können.
Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für die Industrie?
Till Schreiter: Ganz klar in Innovation und Digitalisierung. Das ist der entscheidende Hebel. Wir müssen uns fragen: Wie machen wir unsere Kunden produktiver, effizienter und profitabler? Wenn wir das schaffen, dann werden unsere Lösungen auch nachgefragt – unabhängig vom Markt.
Digitalisierung und KI sind dabei keine Option, sondern Pflicht. Wer hier nicht investiert, wird den Anschluss verlieren.
Welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz ganz konkret?
Till Schreiter: KI ist ein Gamechanger. Sie ermöglicht uns, Prozesse schneller, besser und effizienter zu machen. Und sie hilft uns, strukturelle Probleme zu lösen – vom Fachkräftemangel bis zur Produktivitätssteigerung. Länder wie China investieren massiv in diese Technologien. Das passiert nicht ohne Grund. Deshalb sage ich ganz klar: Jedes Unternehmen muss sich intensiv damit beschäftigen. Es gibt keine Ausrede mehr.
Was raten Sie Unternehmen konkret für 2026?
Till Schreiter: Erstens: Internationalisieren. Mit einem rein lokalen Setup
werden Sie künftig nicht mehr bestehen können. Zweitens: Flexibilität aufbauen – in Lieferketten, Produktion und Märkten. Und drittens – und das ist der wichtigste Punkt: konsequent auf Innovation setzen. Das ist der einzig nachhaltige Weg, um in diesem Umfeld zu überleben.
Sie haben auch die Rolle Europas im globalen Wettbewerb kritisch hinterfragt. Wo sehen Sie die größten Risiken?
Till Schreiter: Das größte Risiko ist Stillstand. Europa droht, zwischen den großen Machtblöcken zerrieben zu werden, weil wir zu langsam und zu zögerlich agieren. Wenn wir nicht anfangen, unsere Stärken konsequent auszuspielen – Technologie, Know-how, Qualität –, dann werden andere die Märkte besetzen.
Und wo sehen Sie die größte Chance?
Till Schreiter: In unserer eigenen Stärke. Europa hat eine enorme industrielle Basis, exzellentes Know-how und große Innovationskraft. Aber wir müssen diese Stärken auch nutzen. Das bedeutet: Bürokratie abbauen, Innovation fördern, internationale Partnerschaften stärken – und vor allem: endlich ins Handeln kommen.
Wie lautet Ihre zentrale Botschaft für 2026?
Till Schreiter: Die Uhr tickt. Wir dürfen uns keine Illusionen mehr machen. Die Rahmenbedingungen werden sich nicht kurzfristig verbessern. Deshalb müssen wir selbst aktiv werden – als Unternehmen, als Branche, als Europa: Ärmel hochkrempeln, Entscheidungen treffen und konsequent umsetzen. Nur so werden wir auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben.


